12.12.2025

Ein altes Haus auf 500 Spriessen

In einem 120 Jahre alten Zürcher Wohnhaus bleibt fast kein Stein auf dem anderen. Die Baur & Cie AG höhlt das Gebäude aus, erstellt eine Bodenplatte und baut das Haus darauf neu auf.

An einem windigen Freitagmorgen hievt der Kranlastwagen palettweise Backsteine über die Bauabschrankung auf den Fassadenlift. Der Installationsplatz, nur ein kurzer Trottoirabschnitt vor dem Haus, ist eng und längst vollgestellt. Entsprechend sind logistische Millimeterarbeit, Muskelkraft und Köpfchen gefragt.

«Hier ist kein Platz für einen Baukran », sagt Luis Filipe Lameira da Silva, Polier der Baur & Cie AG. «Wir müssen sämtliche Materialien, die wir brauchen, über den Fassadenlift in die Geschosse bringen oder sie gleich selbst hochtragen: Schalungselemente, Armierungseisen, Stahlträger, Backsteine, Mörtel. Alles wird von Hand dorthin geschafft, wo wir es benötigen.» Immerhin: Wenn betoniert wird, gelangt der Beton über Pumpen an Ort und Stelle.

Mit einem tiefgreifenden Umbau wird die Geschichte des 120-jährigen Wohnhauses an der Haldenstrasse in Zürichs Innenstadt neu geschrieben. «Das Projekt umfasst die vollständige Aushöhlung des Hauses bis auf das Treppenhaus und die Aussenwände. Daraufhin folgt der komplette Neuaufbau», erklärt Ivo Müller, Bauführer der Baur & Cie AG.

Die Grundlage fehlte 

Seit Mitte Juni ist das Baur-Team im Zürcher Wohnhaus an der Arbeit. In der ersten Phase wurden die Innenstrukturen des Gebäudes, dessen Tragwerk aus Beton, Mauerwerk und Holz bestand, weitgehend zurückgebaut. «Wir haben das Haus geschossweise, im Gleichschritt mit den Zimmerleuten, von oben nach unten ausgehöhlt», schildert Bauführer Ivo Müller. «Wir bauten Wände und Decken zurück. Sie schlossen die Decken umgehend wieder provisorisch, um die Arbeitssicherheit zu gewährleisten. So arbeiteten wir uns Etage um Etage nach unten vor.» «Als der Rückbau abgeschlossen war, hielten ein Geflecht aus Spannsets und rund 500 Spriessen den Bau in seiner Form», ergänzt Polier Luis.

Als das Team im Untergeschoss angekommen war, zeigte sich, dass dem Haus die tragfähige Grundlage fehlte, die man in der Planung vorausgesetzt hatte: eine Bodenplatte. «Wir standen tatsächlich kurz davor, das Gebäude auf wenigen Zentimetern Beton abzuspriessen», erzählt Ivo Müller. Die Arbeiten wurden sofort gestoppt, die Situation musste neu beurteilt werden. Es folge der Entscheid, eine Bodenplatte unter das bestehende Gebäude einzubauen.

Für das Baur-Team hiess das: in Handarbeit Etappe für Etappe unter dem Haus freilegen, bewehren und in zwei Abschnitten die neue Bodenplatte betonieren. 120 Jahre nach seiner Erstellung erhielt das Haus damit erstmals eine Bodenplatte aus Beton.

Gute Zusammenarbeit

Der Wiederaufbau erfolgte von unten nach oben. Der neue Liftschacht, der sich zusammen mit einer grossen Wandscheibe vom Unter- bis ins Dachgeschoss zieht, bildet gemeinsam mit dem bestehenden Treppenhaus den neuen Kern des Gebäudes. Beim Baustellenbesuch im Oktober ist der Schacht bis ins dritte Obergeschoss betoniert, im vierten bereits geschalt. Gleichzeitig laufen in verschiedenen Bereichen des Hauses weitere Rohbauarbeiten: Es werden Wände gemauert, Deckenabschnitte betoniert oder mit Stahlträgern verstärkt. Parallel dazu erstellen die Zimmerleute den Grossteil der neuen Decken wieder in Holz. Auf engstem Raum greifen verschiedenste Materialien und Gewerke ineinander.

Trotz der engen Verhältnisse läuft die Zusammenarbeit auf der Baustelle reibungslos, auch dank einer klaren Führung. «Wir pflegen eine sehr positive und konstruktive Zusammenarbeit mit der Bauleitung», sagt Ivo Müller. «Wir kennen uns aus früheren Projekten und wissen, dass ein Miteinander zu den besten Ergebnissen führt.»

Auch wenn es beim Baustellenbesuch kaum vorstellbar ist: Die Rohbauarbeiten sollen bis Mitte November abgeschlossen sein. Bereits im Oktober haben Elektround Sanitärinstallateure ihre Arbeit aufgenommen, sodass das Projekt nahtlos in den Innenausbau übergeht. Bald ist das 120-jährige Haus bereit für seinen neuen Lebensabschnitt.

Am Ende des Gesprächs betont Polier Luis, dass tiefgreifende Umbauten alter Gebäude immer besondere Herausforderungen mit sich bringen, indem sie Fachwissen, Präzision und zugleich viel Improvisationskunst verlangen. «Dieses Projekt ist für uns deshalb ganz normal. So normal, wie schwierige Umbauten eben sein können», sagt er und lacht.